Liebe Leser!
Die US-amerikanische Sängerin Gracie Adams bringt das Lebensgefühl ihrer Generation auf den Punkt. In ihrem Song Camden https://www.youtube.com/watch?v=jTZLspfvAIk singt die 26- Jährige: All of me, a wound to close. But I leave the whole thing open. I just wanted you to know. I was never good at coping. Alles an mir eine Wunde zu schließen. Aber ich lasse alles offen. Das wollte ich dich nur sagen. Ich konnte nie gut damit umgehen. Alles eine zu schließende Wunde, die offen bleibt… Offensichtlich trifft Gracie Adams hier den Nerv nicht nur der jungen, sondern vieler ihrer Zeitgenossen.
In diesen Tagen erleben wir die Welt als Wunde, die offen bleibt: Der Krieg in der Golfregion, im Heiligen Land, in der Ukraine. Die fehlende Perspektive für unser Land Sachsen-Anhalt, das wie gelähmt ist, im September wählen wird und vor massiven Veränderungen steht. Dazu eine schrumpfende Kirche, die so damit beschäftigt ist, die eigenen Wunden zu lecken, dass sie ihren Auftrag zu vergessen droht. Und nicht zuletzt das eigene Leben in seiner Verletzlichkeit und manchmal auch Erbärmlichkeit: Alles eine Wunde, die zu schließen wäre, aber doch offen bleibt.
Ein eindrückliches, wenn auch abstraktes Bild dazu findet sich hier in unserer St.-Gertrud-Kirche. Christoph Grüger, dessen 100. Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, hat 1968 unsere Glasfenster neu gestaltet. Die 9 Wanddurchbrüche der Südseite zeigen in Rosettenform auf weißem Grund rote Formen, die mich an Insekten erinnern. Sozusagen blut auf weiß zeigen sie die fünf Wunden Jesu. Im Kontrast der Farben wie der kantigen Formen zeigen sie an, dass Wunden die Harmonie stören. Der weiße Hintergrund wird von klaffenden, ausströmenden tiefroten Wundenkerben zerschnitten, die aussehen, als wollten sie weiterkrabbeln, nicht zur Ruhe kommen: Zu schließende Wunden, die aber offen bleiben.
Am Karfreitag haben wir geschaut auf diese Wunden Jesu geschaut, die ausgeblutet sind: Wunden der Dornenkrönung und Geißelung, der Annagelung ans Kreuz, auf die Seitenwunde der Lanze, dazu die Jesus verletzenden Worte: unschuldige Verurteilung, Verrat, Verleugnung, Spott. Zugleich erkennen wir, dass Jesus auch nach 2000 Jahren noch mit uns Menschen leidet, dass unsere Wunden auch seine Wunden sind: Die Wunden kommen nicht zur Ruhe, scheinen weiter zu krabbeln, bleiben offen, fließen. Seit Kain seinen Bruder Abel zu Tode verwundet hat, fügen wir Menschen uns Wunden zu und müssen mit diesen Verletzungen leben. Das Geheimnis des Bösen hinterlässt eine verwundete Welt. Und in der Kreuzverehrung am Karfreitag haben wir beim Blick auf den Gekreuzigten auch auf die Verletzungen dieser Welt geschaut, und darin eingeschlossen sind die eigenen, persönlichen. Aber, wir dürfen und sollen wir unseren Blick erweitern: Jesus hat ausgelitten, seine Wunden sind zur Ruhe haben gekommen, ausgeblutet. Und in die Totenstille des Karsamstag klingt die Deutung aus einem alten Versprechen. Es ist die Zusage beim Propheten Jesaja (52, 5): Durch seine Wunden sind wir geheilt. Darin liegt die Einladung, die eigene Blöße, ja sich selbst auf, in oder an diese Wunden Jesu zu legen. Wie ein gute Medizin, ein heilsames Pflaster. Die christliche Tradition kennt die Verehrung der 5 Wunden Jesu, so heißt es etwa im Gebet der Anima Christi: Leiden Christi, stärke mich, O guter Jesus, erhöre mich. Birg in deinen Wunden mich… Oder wie wir als Kinder zur Nacht gebetet und wie es sich tief ins Unterbewusste eingegraben hat: In deine Wunden schließt mich ein, dann schlaf ich sicher, keusch und rein. Meine Wunden sind in seinen Wunden gut aufgehoben. Meine Schnitte und Ritzungen gehören dahin, wo SEIN Leben zu Tode verwundet worden ist. Unsere Verletzungen und Kriege sind von IHM mitgetragen und erlitten und so bei IHM aufgehoben. Unsere gesellschaftliche Perspektivlosigkeit und das Kreisen der Kirche um sich selbst – wir legen alles an den Ort, wo Heilung anfängt: ans Kreuz, in Seine Wunden, im Vertrauen auf die alte Zusage: Durch seine Wunden sind wir geheilt!
In der Mittagszeit steht die volle Sonne auf dem Südfenster und Farben spielen durch den Kirchenraum. Das Rot der Wunden taucht dann den Kreuzweg an der gegenüberliegenden Nordseite in liebevolle, warme, rote Flecken. Und sie wandern über den Kreuzweg Jesu und sein Leiden, kommen nicht zur Ruhe.
Das Weiß und das Rot dieser Wund-Fenster trägt zugleich die Farben der Osterkerze: In der Auferstehungsnacht haben wir sie am Osterfeuer entzündet. Sie präsentiert so den lebendigen, auferstandenen Christus. In den weißen Wachsleib der Osterkerze haben wir die 5 blutroten Wundmale eingefügt. Und dazu den folgenden Segen erbeten: Durch Christi heilige Wunden, die leuchten in Herrlichkeit, behüte uns und bewahre uns Christus, der Herr!
Nach der Auferstehung erkennen die Freunde Jesu den auferstandenen Herrn zuerst nicht, erst als sie die Verletzungen seiner Kreuzigung sehen, wissen sie: Er, der gekreuzigt war, lebt. Narben sind darum nicht hässlich, sondern zeigen, dass wir unterwegs sind, verletzt werden, aber heil werden sollen. Narben sind geheilte Wunden, für die wir uns nicht schämen müssen. Narben sind bei Gott Erkennungszeichen unserer Geschichte.
Ja, der verwundete und auferstandene Christus will Heilung und Leben schenken. Dafür braucht es Zeit. Die drei vollen Tage seiner Grabesruhe sind die Erinnerung an Ausdauer, Geduld und Warten-Können unsererseits, die es für gute Heilung braucht! Geben wir IHM diese Zeit! Zuletzt können vielleicht die Worte von Gracie Adams unsere Worte an den Herrn werden:
Alles an mir eine Wunde zu schließen. Aber ich lasse alles offen. Das wollte ich dir nur sagen. Ich konnte nie gut damit umgehen. Herr, Jesus
Christus, heile Du diese Welt und alles an mir - durch Deine Wunden, die leuchten in Herrlichkeit!
In diesem Vertrauen wünsche ich allen ein gesegnetes und heilsames Osterfest 2026! Christus ist auferstanden! Er hat den Tod besiegt! Halleluja!
